Leseprobe: 
Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Buch Um nur zu leben“ (2005).

 

1. „Das heißt, reden darf ich ja.“

(Der erste Satz in meiner allerersten „Papiersinfonie“.)

„Papiersinfonie“, so nannte ich als Jugendliche zwischen 14 und 19 meine Tagebücher. „Tagebuch“ an sich klang mir irgendwie zu kleinmädchenhaft, und außerdem erschienen mir das Leben und die Welt damals einer Sinfonie ähnlich, einem Konglomerat aus Tönen und Stimmen, die ganzen Gefühle, Stimmungen und Wahrnehmungen, die einer Pubertierenden eigen sind, in sich vereinend zu einem doch mehr oder minder (zumindest äußerlich) harmonischen Ganzem.
Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet deuteten sich sicherlich schon damals die Abgründe an, in die ich fallen sollte, aber das habe ich mit 16 Jahren nicht wahrgenommen - und konnte es wohl auch kaum wahrnehmen.
Die „Papiersinfonien“ waren meine Auseinandersetzung mit mir selbst. Sie waren Forum für meine Gefühle, meine Sehnsüchte, meine Träume, meine Wünsche, meine Ängste und Hoffnungen, kurz, für all das, was in mir war. Bändeweise füllen sie auch heute noch meine Regale, und wenn ich mich in den vergangenen Jahren einmal traute, ein wenig darin herumzublättern, wurde mir immer schmerzhafter bewusst, was ich verloren habe. Denn als ich aufhörte zu schreiben, hörte ich auf zu fühlen. Oder umgekehrt, obwohl ich mir dessen nicht so sicher bin: Als ich aufhörte zu fühlen, hörte ich auf zu schreiben.
Die „Papiersinfonien“ waren meine Ordnung, mein „Gesetz“, meine Kontrolle, aber auch mein Kontrollverlust. Als ich aufhörte zu schreiben, übernahm der Alkohol langsam, unmerklich am Anfang, diese Funktionen. Ich machte ihn zu meiner Ordnung, er machte sich zum Gesetz - und sollte für lange Zeit die einzige Möglichkeit für mich werden, die mühsam nach außen aufrechterhaltene Kontrolle über mich abzugeben. Er war meine Medizin, mein Rückzug, mein Rückzug vor der Welt und am allermeisten vor mir selbst.
Im Allgemeinen glaubt man (und oft ist es auch so), dass sich ein Abhängiger in zunehmenden Maße vieles „versäuft“: Beziehung, soziale Kontakte, Führerschein, Arbeitsstelle usw. Ich für mich glaube allerdings, dass ich nichts „einfach nur so“ versoffen habe, sondern eigentlich nur das, was ich sowieso nicht mehr haben wollte (was der obigen Aufzählung trotzdem in nichts nachsteht...).

Reden darf ich ja.

Das gilt auch heute. Wieder, möchte ich fast sagen, denn die Jahre der Abhängigkeit haben mich in paradoxer Weise sprachlos gemacht: Je mehr ich in verschiedenen Therapien über mich „erfuhr“, je mehr ich mich öffnete, je mehr Zugänge ich wieder zu mir selbst erhielt, desto sprachloser wurde ich innerlich. Eine Erinnerung trifft diesen Zustand ziemlich genau. Ich erinnere mich an eine Tanztheaterinszenierung, über die ich im Rahmen meiner Tätigkeit als freie Mitarbeiterin einer Lokalzeitung berichtete: Die Finnin Hannele Järvinen tanzte auf einem historischen Moorhof „Die Emigrantin“, und schon der Titel deutete (und deutet immer noch) für mich auf eine der Interpretationsmöglichkeiten des Stückes hin - Emigration, vor allem auch innere, als ihr und doch auch unser aller Lebensthema. Emigration als das Sich-Befinden zwischen zwei Orten von Heimat oder auch von „Nicht-mehr-„ und „Noch-Nicht“-Heimat. Järvinens Requisiten im Stück waren aufgeschichtete Torfstücke auf feuchter, weicher Erde, und sie sah so stark aus, als sie tanzte, als sie ihr Gleichgewicht auf der nachgiebigen Erde hielt. Ich spürte die Berührung der Torfstücke durch ihre Hände, spürte, wie durch dieselben Hände das Moor abgebaut wurde, wie die Torfstücke neu arrangiert und geschichtet wurden. Ich atmete, genoss und trauerte mit ihr oder durch sie. Die anfangs sauberen Hände, die saubere Haut und Kleidung, das für uns irgendwie „Selbstverständliche“, wurde durch das Hantieren mit Torf dreckig, dreckig mit Erde, die Heimat symbolisiert und deren Wert wir oft erst zu schätzen wissen, wenn wir sie verloren haben, wenn sie „zu Dreck zerfällt“. Aber es ging um noch viel mehr in „Die Emigrantin“. Es ging um Zerstörung, um die daraus resultierende Einsamkeit - und Vereinsamung - des Menschen. Und dennoch gelang es der Tänzerin in fast schmerzhafter Einfühlsamkeit zu zeigen, dass sich alle vermeintlichen Gegensätze unseres Empfindens - so wir die denn genau wahrnehmen, wenn wir nur ehrlich hinschauen - in der Erde vereinigen: Geborgenheit und Angst, Heimat und Fremde, Individualität und Allgemeingut, Atmung und Atemlosigkeit und letztendlich auch Leben und Tod. Was mir blieb am Ende des Stückes, in der Erinnerung, ist ein Anfang: ein Loslassen, ein Willkommen, eine Versöhnung, ein Trost. Was mir fehlte, danach, um diesen Anfang auch zu wagen, war das Annehmen.
Emigration, Rückzug, (innere) Vereinsamung, die Diskrepanz zwischen (innerer) Heimat und Fremde, das unsagbar tiefe Gefühl von „Nicht-in-mir-zu-Hause-zu-Sein“, welches ich aber lange gar nicht als dieses wahrgenommen oder gar zugelassen habe, als meine Lebensthemen.
Sucht als Rückzug. Als Auflehnen gegen all das in mir, was ich nicht annehmen, nicht ausleben und nicht aussprechen wollte. Sucht als Mittel der Unterdrückung dessen, was ich nicht wahrhaben wollte. Sucht als Möglichkeit der Vernichtung.
Als ich aufhörte zu schreiben, wurde ich sprachlos. Als ich sprachlos war, hörte ich auf zu fühlen. Und als ich aufhörte zu fühlen, hörte ich auf zu leben. Und begann zu trinken.

Reden darf ich ja. Jetzt wieder.  

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