Buch: „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke

Ein 19-jähriger, dichtender Offiziersanwärter derselben Militärakademie, die  Rilke einst selbst besucht hatte, steht an der Schwelle zu einem Beruf, den er seinen Neigungen geradezu als entgegengesetzt empfindet und schreibt zu Beginn des Jahres 1903 an R.M. Rilke. Er verehrt und bewundert Rilke, legt einige seiner dichterischen Versuche anbei und bittet ihn um sein Urteil.

Und Rilke antwortet.

Zwar sträubt der sich zunächst, etwas zu den Dichtversuchen zu schreiben („Ich kann nicht auf die Art Ihrer Verse eingehen; denn mir liegt jede kritische Absicht zu fern. Mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten: es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Mißverständnisse heraus.“), verliert dann aber dennoch ein paar Worte darüber – die allerdings niederschmetternd in den Ohren des jungen Dichters geklungen haben müssen („…darf ich Ihnen nur noch sagen, daß Ihre Verse keine eigene Art haben, wohl aber stille und verdeckte Ansätze zu Persönlichem. (…) Trotzdem sind diese Gedichte noch nichts für sich, nichts Selbständiges…“).

Rilke aber belässt es dabei nicht.

Im Gegenteil. Er ermutigt den jungen Dichter, in sein Inneres zu gehen und nach der Motivation seines Schreibens zu fragen und diese zu überprüfen. (Und kaum habe ich diese Worte getippt, kommen sie mir so neudeutsch und unlyrisch vor wie nur irgendwas – jedenfalls werde ich mit diesen Worten Rilke nicht gerecht – so altmodisch, dramatisch, brutal, stellenweise vielleicht auch selbstmitleidig, melancholisch, traurig, einsam und still die seinen in unseren Ohren klingen mögen):

Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen >Ich muß< dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange.

Klingt brutal, oder nicht?
Das Leben nach der Notwendigkeit, dem Drang zu schreiben, auszurichten. Rilke erläutert dies im weiteren Verlauf des Briefes und kommt schließlich zu dem Schluss „Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, daß Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort. (…) Und wenn aus dieser Wendung nach innen, aus dieser Versenkung in die eigene Welt Verse kommen, dann werden Sie nicht daran denken, jemanden zu fragen, ob es gute Verse sind. Sie werden auch nicht den Versuch machen, Zeitschriften für diese Arbeiten zu interessieren: denn Sie werden in ihnen Ihren lieben natürlichen Besitz, ein Stück und eine Stimme Ihres Lebens sehen. Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus der Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes.“

Rilke sieht es als Berufung an, Künstler zu sein und – das klingt sehr radikal in seinem Brief durch – er empfindet diese Berufung als ein schweres Los. „Vielleicht erweist es sich, daß Sie berufen sind, Künstler zu sein. Dann nehmen Sie das Los auf sich, und tragen Sie es, seine Last und seine Größe, ohne je nach dem Lohne zu fragen, der von außen kommen könnte. Denn der Schaffende muß eine Welt für sich sein und alles in sich finden (…). Vielleicht aber müssen Sie auch nach diesem Abstieg in sich und Ihr Einsames darauf verzichten, ein Dichter zu werden (es genügt, wie gesagt, zu fühlen, daß man, ohne zu schreiben, leben könnte, um es überhaupt zu dürfen).“

Kaum vorstellbar in unserer heutigen Zeit, oder?
Und doch scheint mir, als haben Rilkes Worte, seine Versuche von Ratschlägen an den jungen Dichter, bis heute nichts von ihrer Wahrhaftigkeit verloren. Auch nichts von der Dramatik, die er zeichnet, und von der Brutalität. Gerade in unserer Welt, mediengeprägt mehr und mehr und öffentlichkeits- und publikumsheischend. Wo bleibt dabei unser Blick in unser Inneres? Sicher kann man argumentieren, es sei ja eine hehre Auffassung, nur und ausschließlich seinem Inneren, seiner inneren Stimme und der Notwendigkeit dieser zu folgen, zu leben und zu arbeiten, nicht nach dem (auch materiellen!) Lohn zu fragen; heutzutage säße man sicherlich schneller einem Mitarbeiter der ARGE gegenüber und fände sich in einem 1-Euro-Job wieder als dass man auch nur vier Zeilen auf dem Papier hat.

Dennoch: Rilkes Zeilen berühren. Mich jedenfalls, und das gerade in Zeiten, in denen ich mich wieder und wieder frage, warum ich eigentlich das tue, was ich tue; in Zeiten, in denen der Wert und das Ansehen eines Einzelnen fast ausschließlich an seiner Arbeit, seinem Einkommen, seinem Status (oh, es widerstrebt mir so, das allein zu benennen!) gemessen wird.

Insgesamt zehn Briefe sind im Buch nachzulesen. Und das Bedauern darüber, dass wir als Leser nur die eine Seite des Briefwechsels kennen lernen dürfen, verfliegt schnell, so fesseln nach kurzer Zeit Rilkes Zeilen.
Unverkennbar zeigen sich in ihnen seine Ruhe- und Rastlosigkeit, sein wohl unentbehrliches Bedürfnis, jedes seiner Zelte genauso schnell wieder abbauen zu können wie aufzubauen, eine Bestimmtheit, die letztlich darin mündet, in allem, was er tut, dem Primat der Kunst Ausdruck zu verleihen. Das ist radikal und man braucht nicht einmal zwischen den Zeilen zu lesen, um zu verstehen, wie sehr Rilke trotz der gewollten Unstetheit in seinem Leben darunter leidet: „Ich kann kaum mehr.“ (Brief vom 17.2.1903); „Ich war die ganze Zeit leidend, nicht gerade krank, aber von einer influenza-artigen Mattigkeit bedrückt, die mich unfähig machte zu allem.“ (Brief vom 5.4.1903); „…recht leidend und müde…“ (Brief vom 16.7.1903). Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen, Rilke beschreibt hier keine eigene Schaffenskrise, denn gerade 1903, dem Jahr auch seines ersten Parisaufenthaltes, wird gemeinhin als Rilkes entscheidende Wende zum eigenständigen, virtuosen Lyriker genannt.
Wir haben hier die Chance, Rilke wahrhaft als Menschen zu sehen. Er schreibt sehr persönlich, mit einer Art Urvertrauen teilt er seine (Lebens-)Erfahrungen (mit). Meist sind es schmerzliche, sei es, dass Rilke über die Einsamkeit schreibt – und darüber schreibt er oft –, über die Liebe (er selbst ehelichte im April 1901 die Bildhauerin Clara Westhoff und noch im selben Jahr kommt Tochter Ruth auf die Welt), über Traurigkeiten, über Zweifel, über Gefühle von Gefangensein, über das vermeintliche Unvermögen, das äußere und innere Leben in Einklang zu bringen, über Geduld und Vertrauen und die Reinheit und Klarheit aller Gefühle.

Lesen Sie diese 52 Seiten. Unbedingt.
Sie müssen Rilkes Aussagen auch nicht zustimmen. Nur nachfühlen.

Rilke,  Rainer Maria: „Briefe an einen jungen Dichter“, Insel Verlag Leipzig, ISBN 978-3-458-08406-8, € 8,80 (gebundene Ausgabe)

PS: Der „junge Dichter“ übrigens ist Franz Xaver Kappus (1883 – 1946).Von 1903 an stand er in regelmäßigem Briefwechsel mit R.M. Rilke, der „bis 1908 währte und dann allmählich versickerte, weil mich das Leben auf Gebiete antrieb, von denen des Dichters warme, zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen“ (Vorwort zur ersten Ausgabe 1929).

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© Heike Hartmann-Heesch