„Freizeichen“ von Sven-André Dreyer

Da steht es. Auf den nackten Fliesen vor der Wand, in mausgrau und sicherlich  handgeschriebener Notrufnummer im eingeklemmten runden Papiereinleger der Wählscheibe. Vermutlich ist es nicht einmal mehr angeschlossen.

Da sitzt er. Er überlegt nicht mehr, greift zum Hörer, nimmt ihn ab und hält ihn ans Ohr. Es ertönt, angeschlossen oder auch nicht, das Freizeichen. Jetzt müsste er eine Nummer wählen. Oh, viele Nummern hat er, die er wählen könnte, sein Telefonnotizbüchlein ist voll davon, uralt und leicht zerfleddert liegt es vor ihm, einige Seiten schon lose, die XYZ-Seite fehlt ganz, viele der Nummern bereits mehr als einmal durchgestrichen, übergekritzelt, ausgetippext. Einige neuere Nummern, manche davon in rot, manche mit Ausrufezeichen. Bei manchen Namen jedoch nicht einmal mehr eine Ziffernfolge sondern nur noch eine E-Mail-Adresse. Er könnte eine Nummer wählen. Tut er aber nicht. Der Dreyer. Denn was er zu sagen hat, geht nicht nur einen Menschen hinter einer Nummer an.

Da sitzt er, hält den Hörer in der Hand und lauscht dem Freizeichen. Dann legt er los. Es ist mittwochmorgen, donnerstagnacht, kurz vor zwei, es ist nach der feier oder freitagnacht, nulluhrsieben. Vielleicht ist es aber auch Samstag der Einunddreißigste, vormittags oder auch erst vieruhrfrüh, wenn Dreyer sich in Anzug und Krawatte schmeißt und schreiend in eine Pfütze springt und danach ins Büro geht, obwohl er doch immer schon Pirat sein wollte. Vielleicht prüft er auf dem Weg noch den Nebel auf Dichte, auf Weiße und auf Undurchdringlichkeit.

Und: Da sitze ich. Vor mir ein Telefon, ebenfalls in mausgrau oder grün oder rot oder auch ohne Schnur mit Display. Vielleicht ist es morgens, noch sehr früh oder auch schon neunuhrdrei. Ich nehme den Hörer ab und es ertönt das Freizeichen. Wie gut. Oh, wie gut! Jetzt darf ich sie teilen, Dreyers Wehmut, weil er den Namen der dicken weißen Katze nicht kennt, da sie sich ihm niemals vorstellte, ich sehe ihn, wie er voll Stolz seine Zuckerwatte wie eine Wolke am Stiel vor sich hertrug, als Kleiner, als ganz Kleiner; und ich kann mit ihm lachen, weil der Abstand zwischen ihm und dem Kind, das er war, nicht größer geworden ist.

Mein Versprechen, bevor ich den Hörer auflege:
Dreyer, ich bewahre ihn für dich auf, den grauen Vierer-Lego-Stein, den du vor dem blauen Altpapiercontainer, der schon so oft brannte, gefunden hast. Ich werde dich begleiten, wenigstens gedanklich, wenn du dich nicht alleine in den Keller traust, um dir noch ein Bier zu holen und wenn du mal Bernstein am Strand findest, finde ich dich noch lange nicht plötzlich ohne Grund doof.
Du kannst jetzt unbesorgt dem Wind lauschen, der umständlich um Häuserecken deinen Namen ruft, bis die Bäume schließlich einstimmen und du fühlst: Du bist angekommen. Daheim.

Danke, Dreyer, für dies Buch. Danke!

Dreyer, Sven-André, Freizeichen, Edition Paperone Leipzig 2009, ISBN 978-3-941134-30-0, € 8,95, mit einem Vorwort von Joachim Witt

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© Heike Hartmann-Heesch