Buch: „Wo Du Bist“ von Sven-André Dreyer

Es wird viel gegangen in Sven-André Dreyers neuem Buch; wie ein roter Faden zieht sich „Gehen“ in einer geraumen Bedeutungsbreite durch alle (bis auf eine) Erzählungen: ein an Demenz erkrankter Mann/Vater möchte heimgehen, obwohl er sich zu Hause befindet, er geht auf Ausflüge, auf Spaziergänge, tags, nachts, seltsam, mitunter gar spärlich bekleidet, er geht ins Pflegeheim. Zwei gehen ins Meer, gehen „schwimmen“; ein Du verlässt die gemeinsame Wohnung, gleichsam damit das Leben mit dem dazugehörenden Ich. Farben vergehen. Ein Sohn tritt eine Reise an, geht, stirbt, drei (vermutlich) junge Menschen ebenfalls; ein Soldat geht nach Afghanistan. Ein dunkelblauer Sommerhimmel vergeht; eine Mutter, das Jungsein, die Zeit. Eine „Sie“ geht, und Hoffnung, sie auch. Selbst das Vergessen geht.
Das schmerzt.

Nie geht jemand/etwas einfach so. Immer werden Zeichen gesetzt, Spuren gelegt, Hinweise gegeben, die jedoch oft spät, zu spät oder gar nicht erkannt werden. Und das ist es, was als zweites durchklingt in den Erzählungen: Bevor jemand geht, geht die Sprache. Wir als Leser dürfen das erfahren, erahnen, gleichsam mit den Gehenden, wir lesen es in den Erzählungen, jeder einzelnen, manchmal gar schon in den Titeln, mehr und tiefer und erbarmungsloser als das „Ich“, das zurückbleibt und allenthalben noch versuchen kann, mechanisch Überschriften in der Zeitung zu entziffern. Sprache vergeht, verliert sich zwischen Menschen, zwischen den Zeilen, zwischen den Buchstaben. Sätze zerfallen zu Wörtern, vergehen, Wörter zu Buchstaben, und diese wiederum zerrinnen zu Sand.
Gleichzeitig entstehen auch dadurch ganz neue Bilderwelten, denn es ist ja so: Wann immer jemand geht, wann immer etwas geht, bleibt jemand oder etwas zurück: Söhne, Seelen, Ichs, Klänge, Gerüche und Dunkelheit. Postkarten. Eine Mutter, eine Großmutter, und Anna, Julia und Sophie auch. Bäume, Stille und Feuerwehrleute mit Augenrändern. Ein Ballon am Handgelenk.
Ein Gefühl.
Das schmerzt manchmal noch mehr.

„Die berührendsten Geschichten sind jene, bei deren Lektüre einem plötzlich bewusst wird: Das bin ja ich!“ zitiert der Klappentext Philipp Holstein.
Und genau dies wird einem bewusst. Nicht, weil wir auch einen demenzkranken Vater hätten oder auch jemanden kennten, der trachealkanülisiert mit Beatmungsmaschine und Magensonde auf einer Intensivstation liegt. Darum geht es nicht (wirklich).
Sondern es geht um das Gefühl, das bleibt, wenn Sprache gegangen ist, sich verloren hat, zerfallen ist; vielleicht auch manchmal, weil schlicht die physiologischen Voraussetzungen für Sprache nicht mehr gegeben sind.
Wenn Sprache verschwindet, wird es einsam. Manchmal für die, die gehen (müssen), mehr, viel mehr aber für die, die bleiben. Zurück bleiben.

„Wo Du Bist“ sind großartige Erzählungen. „Wo Du Bist“ ist großartig erzählt. Solange es solche Geschichten gibt, ist Sprache und all das, wofür Sprache steht, nicht verloren.

Dreyer, Sven-André: „Wo Du Bist“, Erzählungen, michason & may, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-86286-031-9, €9,90

Webpräsenz des Autors: www.sven-andre-dreyer.de

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© Heike Hartmann-Heesch, 10-2013