Buch: „Dunkles Licht in heller Nacht“ von Wolfgang A. Gogolin

Alles wird gut. Bestimmt.
Daran wenigstens glaubt Luc Morel, Leiter der Pariser Mordkommission und Macho sondergleichen, wenngleich er sich in der ewigen Mühle des Alltagsrades „Aufstehen-Arbeiten-Hinlegen“ befindet und zwischendrin nicht nur Kriminalfälle lösen sondern sich auch noch mit den Sorgen, Schicksalsschlägen und, ja, Macken seiner Untergebenen beschäftigen muss. So stehen diese – und weniger die zu lösenden Kriminalfälle – im Mittelpunkt von Wolfgang A. Gogolins neuestem Roman, der uns für einige Tage in das Paris der Jetztzeit führt und ebendort mitten hinein ins Morddezernat.
Alles wird gut, auch wenn es erst mal gar nicht danach aussieht: Da ist Kommissar Emil Legard, Muttersöhnchen par excellence (er lebt mit seinen 50 Lenzen noch im Hause seiner 80-jährigen Mutter), mit einer Vorliebe für Süßes: Madeleines, Eclairs etc., die  augenscheinlich daher rührt, dass er seit einem Jahr unsterblich in die Bäckereiverkäuferin Marie verliebt ist, sich bislang aber nicht getraut hat, sie zum erträumten Essen einzuladen, da „Zwei Croissants, bitte“ schon das Äußerste an Flirtversuch ist, das er in der Lage ist zu formulieren. Und da ist sein Kollege Mathis Durand, 40, der den frühen Tod seiner Tochter nicht verwinden kann, die mit 11 Jahren an einer Blinddarmentzündung verstarb, und noch viel weniger die Tatsache, dass er sie beim Sterben nicht begleiten konnte, da er noch einen Streit zwischen einer Hure und einem Freier schlichten musste und so zehn Minuten zu spät im Krankenhaus eintraf. Ausgerechnet einer Hure! Trotz (polizei-)psychologischer Betreuung entgleitet ihm sein Leben mehr und mehr, gipfelt in Gewalt- und Alkoholexzessen.
Wie gut, dass wenigstens Morel daran glaubt, dass alles gut wird. Zunächst beauftragt er bewusst Durand und Legard mit der Aufklärung des Todesfalls eines jungen Mädchens im Alter von Durands Tochter; und, nachdem es bei der Befragung der Eltern zum Eklat kommt und Durand komplett ausflippt, überzeugt Morel nicht nur seine im Büro stehende Topfpflanze Emma, eine Sansevieria („Bogenhanf“; Freud hätte seine Freude an ausgerechnet dieser Pflanzenart mit diesem Namen!), sondern auch Piedad Martinez, Leiterin des polizeimedizinischen Dienstes davon, dass Feuer mit Feuer bekämpft und der Teufel am besten mit dem Beelzebub ausgetrieben wird: Er suspendiert Durand unter Umgehung des Dienstweges und verdonnert ihn zu einem Termin bei einer gewissen Lady Lynn, keiner „Kollegin im eigentlichen Sinn […], obwohl sie sich mit Männerseelen exzellent auskennt.“ Was Morel damit meint, wird im Finale furioso schnell klar (während mit einem Grinsen, das dem Leser jedoch im weiteren Verlauf schnell vergeht, unklar bleibt, inwieweit der Autor hier seine Heimatstadt Hamburg nicht verleugnen kann, denn auf der Großen Freiheit in Hamburg-St. Pauli gibt es eine Lady Lynn Erotik Show; wobei ich selbstredend völlig ahnungslos bin, um welch Art Erotik Show es sich da handelt …).
Klar ist aber auch, dass alles immer wenigstens zwei Seiten hat, und Bedeutungen von „etwas“ oft nicht gegensätzlicher sein könnten: Für den einen hat das Geräusch des Ablegens des Schlüsselbunds auf der Flurablage den gleichen Wohlklang wie das Wort „Feierabend“, den anderen erinnert ebendies Geräusch an „zu viel Freizeit“; Träume tauchen als erotische Fantasien auf, aber auch als zerstörerische Halluzinationen oder schlicht als tagbegleitende Vorstellungen über den zu planenden Lebensabend. Schokolade und Süßes als Form von Belohnung, Genuss, aber auch als Substitut für anderen Verzicht; Alkohol zum „Anfreunden“, Bestechen, aber auch zum Betäuben; Gewalt als Wurzel allen Übels, nichtsdestoweniger aber auch als Mittel der Wahl bei der Bekämpfung von Problemen – auch im Wort „Vergewaltigung“ dominiert die Gewalt. Das klingt so profan wie provokativ; und genau so zieht sich Gogolins Erzählstil durch den Roman.
Gekonnt springt der Autor zwischen den einzelnen Personen und Situationen hin und her, entwickelt seine Protagonisten peu à peu, dennoch eher beiläufig und sich selbst erklärend: Der Leser kommt nicht auf die Idee, etwas zu hinterfragen, weil alles – und vor allem alle –  selbstverständlich, fast logisch, erscheint/en. Wir (er)kennen Gogolins Figuren, ohne selbst Polizisten sein zu müssen (und ohne Gogolins frühere Werke zu kennen, obwohl jede Figur als Type wiederzuerkennen ist): das Muttersöhnchen, der Obermacho, das Mannweib, die Psychologin als Ziege, der Schicksalsgeplagte, you name it Gogolin has it. Genau dies, so einfach, macht auch die Spannung aus, vor allem hält es die Spannung durchgehend bis zum Schluss. Wir Leser können uns heimisch fühlen in fast jeder Figur, denn wir haben alle von allem etwas, dürfen aber durchaus darüber schmunzeln und uns – natürlich besonders bei den „negativen“ Eigenschaften – immer wieder versichern, dass Gogolins Protagonisten glücklicherweise ja doch einen großen Schritt näher am Abgrund stehen als wir selbst …
 „Dunkles Licht in heller Nacht“ ist kein Kriminalroman im eigentlichen Sinn, aber eine gelungene, runde und spannende Erzählung mit sagen wir kriminalistischen Elementen. Richtig gute Unterhaltung!

Alles wird gut. Bestimmt … Irgendwann. Findet nicht nur Luc Morel, sondern auch sein Bogenhanf Emma.

Gogolin, Wolfgang A.: Dunkles Licht in heller Nacht, Oldigor Verlag Rhede 11-2013, 128 Seiten, ISBN 978-3-945016-06-0, € 8,99 oder als eBook (Kindle), 128 Seiten, ISBN 978-3-945016-07-7, € 3,99

Über den Autor: Wolfgang A. Gogolin, Jahrgang 1957, ist von Beruf Rechtspfleger, lebt in seiner Heimatstadt Hamburg, wo er auch zehn Jahre als Standesbeamter gearbeitet hat.
Er war Gründungsmitglied der Literaturgruppe „Wortwerk“ und ist Veranstalter der monatlichen „Spätlese“ im Hamburger Kulturpunkt Barmbek°Basch. Neben einer Vielzahl von Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien erschienen von ihm bislang sieben Bücher, darunter drei Bände mit Kurzgeschichten („Beamte und Erotik“, „Beamte und Menschen“, „Geist der Venus“) sowie vier Romane (u.a. „Der Puppenkasper“, „Schlafen bei Licht“).
Webpräsenz des Autors: www.goxpower.de oder www.dl.goxpower.de

Eine Hörprobe (51 Minuten, gelesen von Literaturinterpretin Rena Larf) gibt es hier.

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© Heike Hartmann-Heesch, 12-13