Leseprobe: 

Pilze

Intermezzo mit Vfend, unter anderem

„Station 4A, Zimmer 1A“, sagt die Frau an der Rezeption.
Wir würden die Treppe in den vierten Stock benutzen, wäre da nicht das ganze Gepäck.
Später gehst du; und ich fühle mich allein ohne dich. Ich werde Infusionen erhalten, Vfend, unter anderem. Die Hoffnung ist groß.

1A beinhaltet keine Bewertung. Bin schließlich nicht im Hotel, trotz Vollpension.

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Ich singe ein Loblied auf Facebook. Facebook ist mein Draht zur Welt. Ich poste aus meinem Schuhkarton von Zimmer 1A heraus; ich poste öfter als gewöhnlich, ich poste, was es hier halt zu posten gibt: akkurat angeordnete Mittagessentabletts.  

Tag 1: Hackbällchen in Tomatenreissuppe, 2 Schweinsohren, 1 unreife Banane, Pfeffer- und Salztütchen.
Ich poste dies Willkommensmenü und labe mich an den Kommentaren: „Ist das Grün-Gelbe ein Delfin?“, „Och Heike.“
Die Infusionen tropfen schon.
Ich fühle mich allein mit mir.  

Ersatz

du: „Du, ich konnte die ganze letzte Nacht nicht schlafen.“
ich: „Ja, ich hab dich auch so vermisst.“
Schweigen.
ich: „Nicht deswegen?“
du: „Nein. Da waren so viele Geräusche: Türenklappern von oben, Leute im Hausflur, sogar den Kühlschrank hab ich aus der Küche brummen hören.“
ich: „Aber der brummt doch immer.“
du: „Mag sein. Aber sonst höre ich das alles nicht. Sonst höre ich immer die Geräusche deiner Beatmungsmaschine, das Zischen, das Piepen manchmal, die Gleichförmigkeit. Dabei schlafe ich ein. Ich hab doch so gesehen auch seit Jahren mit Maschine geschlafen …“  

Mann! Stell dir doch die Ersatzmaschine ans Bett, die läuft auch im Leerlauf!
Ich fühle mich allein in mir.  

Tag 2: Gemüse-Tortellini in Käsesauce, Leipziger Allerlei, 2 Mürbeteigkekse, 1 Fruchtjoghurt.
Die Infusionen tropfen. Ich kann noch Treppen steigen.  

heilendes Gift

Die Infusionen tropfen lautlos, morgens und abends, zweimal zwei, Vfend, unter anderem, jeweils circa zwanzig Minuten. Ich denke nicht an Chemie; oder Gift, das durch meine Venen gepumpt wird, ich denke an Heilung. Das Sekret, das aus meiner Lunge kommt, ist eitrig gelb-grün, es klebt im Schlauch der Absaugmaschine; und ich sauge oft ab, 20, 25, 30 mal am Tag, inzwischen auch nachts, mehrmals. Die Infusionen tropfen. Vfend, unter anderem. Ich fühle mich allein mit mir im Maschinenpark.

            mehr Gelb

Du bringst einen Strauß Tulpen mit, zarte grüne Blätter, knallgelbe Blüten. Macht sich gut vor der beigefarbenen Wand des Zimmers. Weshalb sind die Wände von Krankenzimmern eigentlich immer pissgelb? Beschließe, die Hintergrundfarbe meiner Webseite zu ändern.  

Farben und Schatten

Ich sitze am Laptop; die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Die Lesebrille hilft nicht, die Buchstaben bleiben verschwommen. Die Windows-Hintergrundfarbe erscheint türkis. Die war doch immer blau, denke ich. Haben die sich mit Facebook abgesprochen? Die Facebook-Startseite leuchtet mir auch türkis entgegen. Dafür ist der Hintergrund meiner Webseite rosa statt beige. Hat sich also ein Problem scheinbar erledigt. Rosa!?
Dann steht jemand hinter mir. Immer wieder nehme ich Bewegungen wahr, als wolle mich jemand von hinten greifen. Wenn ich mich umdrehe, ist niemand da. Nur Schatten an der Wand.
Die Tulpen stehen wie eine Eins, ich fange an zu spinnen; und mein Fuß wird dick.

Zimmerflucht

Raus. Ich muss raus aus dem Zimmer. Ich laufe mit dir über die Flure, noch laufe ich. Du trägst den Sauerstoff, ich laufe neben dir her, ich schnaufe neben dir her; Treppe geht nicht mehr. Aber noch laufe ich, flurauf, flurab. Ich fotografiere Schilder.

Tag 3: Rinderbraten in brauner Soße, Salzkartoffeln, Möhrengemüse, 1 Stück Marmorkuchen, 1 Sahnepudding, Pfeffer- und Salztütchen.

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Ich fotografiere Schilder; Pfeil auf Schild nach oben: Bettenbereich 4A, Pfeil auf Schild nach rechts: Rezeption, Ausgang. Ich fotografiere Schilder und poste meine Sehnsucht. Kommentar 1: „Du brauchst zur Sicherheit ein Navi: ´Gehen Sie geradeaus … ´“ Der Kommentar wird oft geliked. Kommentar 2: „Nach Hause geht es hinterher.“ Wann ist hinterher?

Wasser 1

Ich bin dicker geworden. Ich kriege den Knopf meiner Jeans nicht mehr zu; und das liegt nicht am Essen. Die Infusionen tropfen.  

Wasser 2

Ich benötige geschlagene zehn Minuten, um den Ehering vom Ringfinger zu lösen; dieser gleicht einer abgepackten Leberwurst, an der einen Stelle gequetscht.
Noch alleiner ohne ihn.

Wasser 3

Die Riemchen der Birkenstocklatschen haben nur eine bestimmte Anzahl von Löchern, um die man die Latschen erweitern kann. Auch als der Pijökel im letzten Loch eingehakt ist, komme ich mit meinem linken Fuß immer noch nicht hinein. Keine Schuhe mehr. Du bringst mir (Schuhgröße 38/39) Socken, immerhin, von dir (Schuhgröße 45/46) mit. Am oberen Ende schneiden sie trotzdem ins Fleisch. „Sie müssen laufen“, sagt die Krankengymnastin, „Sie müssen den Fuß abrollen.“ Fuß abrollen? Der rollte von selbst, hinge ich nicht daran. Die Infusionen tropfen.

online 3

Ich poste ein Foto von meinem Elefantenfuß und lösche es sofort wieder. Bin ich denn bekloppt?

Tag 4: Geflügelbällchen in Tomatensoße, Kartoffelbrei, Blumenkohlgemüse, 3 Butterkekse, 1 Mandarine, Pfeffer- und Salztütchen.

Schutz

„Liebe Besucherin, lieber Besucher,
bitte melden Sie sich vor dem Betreten des Patientenzimmers beim Pflegepersonal in der Leitstelle. Vielen Dank.“ steht außen an meiner Zimmertür auf einem Schild. So überflüssig, denn das Schild enthält des Weiteren exakte Anweisungen, wie sich Besucher zu verhalten haben, bevor sie eintreten; in Text und Bild: 1. Hände desinfizieren, 2. Schutzkleidung überziehen: grünen Kittel, Kopfschutz (Haube), Mund- und Nasenschutz und Einmalhandschuhe. Dies sollte für alle gelten, die in mein Zimmer wollen: Küchendame, Putzfrau, Ärzte, Krankengymnastin, Pflegepersonal. Tuts aber nicht; jeder entscheidet nach Gutdünken: Schutz ist wohl Ermessenssache.
Das Korrekturprogramm von Word unterkringelt das Wort ´Besucherin´.

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Ich poste ein Foto von dir in voller Montur. „Liebe erkennt man auch in Grün“, kommentiert eine Facebookfreundin. „Total unsexy“, ein anderer. „Es gibt also doch ein Leben auf dem Mars“, eine Dritte.
Die Infusionen tropfen. Mir ist speiübel; ich kotze mir die Seele aus dem Leib.

Tag 5: Gemüsebratling, Kartoffelbrei, Rosenkohlgemüse, 2 Doppelkekse, 1 Fruchtjoghurt. Seltsam. Bei den vegetarischen Gerichten fehlen immer Salz- und Peffertütchen. Die Tulpen sind 2cm gewachsen und verblassen. Ton in Ton mit der Wand.  

            Zahlen und Werte

Die Ärztin bringt einen Ausdruck der letzten Laborwerte. Gäbe es Alarmtöne für die einzelnen Zahlen auf dem Zettel, würden sie für fast jeden der gemessenen Werte erschrocken aufpiepen. Mein Blut ist so durcheinander wie mein Kopf verwirrt. Die Seele verschwindet immer noch im Klo.  

            Kommunikation 1

Es ist ja nun nicht so, dass ich die Pfleger nur an ihrer Statur und Stimmer erkenne, aber auch nach fast einer Woche finde ich es immer noch beklemmend, mit Marsmenschen zu sprechen. Aber immerhin: Wir sprechen. Sprechen können ist ein kostbares Gut.  

            Kommunikation 2

Sprechen können ist ein kostbares Gut, wenn man verstanden werden will. Es ist ja nun nicht so, dass ich immer sprechen kann. Etwa zehn Stunden am Tag geht das nämlich nicht – wenn ich über die Maschine beatmet werde: Dann ist die Trachealkanüle geblockt = Stimmbänder werden nicht mit Luft angeströmt = keine Sprache möglich. Nach fast einer Woche bin ich präpariert: Ich habe eine Zettelsammlung in DIN A 4-Größe, mit Edding beschrieben, vor allem für die wechselnden Nachtschwestern. Ich wähle bei Bedarf ein entsprechendes Blatt Papier und halte es ihnen entgegen.

Tag 6: Bolognese mit Reis, kleiner Salat mit Kräuter-Dressing, 2 Mürbeteigkekse, 1 Dessert-Pudding, Salz- und Pfeffertütchen.
Seit vorgestern schon keine Kommentare mehr zu den Essensposts. Ich vermisse die Kommentare, und gebe es schließlich auf, die akkurat angeordneten Tabletts zu posten.  

            die Seele in den Leib zurückholen

Tag 7: Geflügelsteak mit Petersilienkartoffeln, kleiner Salat mit Kräuter-Dressing, 1 Marmorküchlein, 1 Fruchtdessert, Salz- und Pfeffertütchen.
Die Infusionen tropfen. Kein Post, keine Kommentare. Keine Treppen. Der Ring passt noch nicht wieder. Kein Marsmensch-Besuch. Mir ist übel. Das Sekret ist eitrig gelblich-grün.

Tag 8: panierter Fisch mit Remoulade, Kartoffelbrei, Spinat, 2 Schweinsohren, 1 unreife Banane, Salz- und Pfeffertütchen.
Die Infusionen tropfen. Kein Post, keine Kommentare. Keine Treppen. Kein Marsmensch-Besuch. Die Laborwerte würden immer noch erschrocken piepen. Die Tulpen sind erstarrt. Das Sekret ist gelber als die Remoulade, aber nicht so grün wie der Spinat.

Tag 9: Spaghetti Carbonara, 2 Mürbeteigkekse, 1 Mandarine, Pfeffer- und Salztütchen. Alles andere wie gehabt.

Tag 10: ach-was-weiß-denn-ich-ich-weiß-es-nicht-mehr.  

            Variationen von Gelb; endlos

Mein Kopf denkt in Variationen von Gelb: mumifizierte Tulpenköpfe, Wände. Vor allem immer noch Schleimklumpen an der Abzweigung von der Luftröhre in die Bronchien, die durch das Auge am Ende des Bronchoskops in stark vergrößerten Bildern auf dem Monitor zu erkennen sind, den der Arzt für mich so hingedreht hat, dass ich zugucken kann. Einzig die feinen, ganz feinen Fäden der Nähte der transplantierten Lungenseite leuchten in strahlendem Windows-Blau. Das Essen dafür aber auch ganz in Gelb:

Tag 11: paniertes Geflügelsteak, Kartoffelbrei, Kohlrabigemüse, 3 Butterkekse, 1 Banane.

Die Infusionen sind aufgetropft; und du holst mich ab.
Wir würden die Treppe ins Erdgeschoss benutzen, wären da nicht das ganze Gepäck und ich mit Elefantenfuß ohne Schuh. Das Gift war giftig genug, mich mit Wasser zu füllen, die Blutwerte explodieren zu lassen und meinen Kopf zu verwirren; für das Eigentliche jedoch nicht giftig genug. Hoffnung ist verschwunden wie der letzte grüne Schutzkittel, den du im Mülleimer entsorgt hast.

„Gabs eigentlich irgendwann mal Pilze als Gemüse?“, fragst du, und nickst der Frau an der Rezeption verabschiedend zu.

Heike Hartmann-Heesch © 2016

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