Dieser Text stammt aus meinen Büchern „Die Dinge, wie sie sind" (2014) und „Möwen hatte ich doch gemeint" (2017).
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           Kaulquappen, atemlos 


Ich kann Tag und Nacht nicht unterscheiden, ich kann keine Stunden zählen, keine Minuten, ich habe keinen Maßstab. Ich kenne kein Lachen, nur manchmal Tränen. Die kommen immer dann, wenn ich dich an meinem Bett erkenne. Ich weiß, dass du es bist, obwohl ich wenig von deinem Antlitz wahrnehme, du bist nur ein Schatten. Antlitz ist ein schönes, aber aussterbendes Wort. Du würdest dich freuen, wenn du wüsstest, dass ich es benutze. Na ja, wenigstens denke. Ich mühe mich, in guten Worten zu denken. Was hast du da auf deinem Kopf? Deinen Mund kann ich nicht sehen, er ist verdeckt und deine Finger fühlen sich kalt und glitschig an. Manchmal stehst du am Fußende des Bettes und du zuppelst meine nackten Zehen. Daran erkenne ich dich, ich ahne, dass dies ein Zeichen ist. Haben wir es abgesprochen? Ich weiß es nicht und weine verzweifelt, weil ich mich auch nicht mehr erinnere, wie ich reagieren soll, wenn ich diese Berührung spüre. Aber jetzt weiß ich, wie sich Kaulquappen fühlen, wenn man sie mit der Hand aus dem Wasser schöpft. Ich bin aufgequollen, kann mich nicht bewegen, nicht drehen, nicht den Po heben, nicht die Beine kreuzen und auch den Fuß kann ich nicht wegziehen, um deiner unangenehm schmerzenden Berührung auszuweichen. Die Arme sind angeklebt seitlich am Körper und wie festgetackert auf dem Laken. Ich möchte die Hand heben und dich auf mich aufmerksam machen, aber ich kann sie keinen Millimeter bewegen. Deine Selbstvergessenheit beobachte ich mit wachsendem Misstrauen. Was mache ich hier? Wo bin ich und warum bin ich – hier oder wo sollte ich sonst sein? Ich habe keine Ahnung und keine Erinnerung. Siehst du, dass ich die Augen offen habe? Habe ich sie offen? Bist du da? Träume ich? Bin ich – noch?
Ich weiß nie, wie viel Zeit immer vergeht zwischen meinen Phasen des Dicherkennens. Stunden, Tage, Wochen? Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal klar wird, wo ich mich befinde und warum. Weiß nicht, wann ich wirklich realisiere, dass ich mich nicht mehr bewegen und auch nicht mehr sprechen kann. Als du mit einer Alphabettafel vor mir stehst und mir bedeutest, bei bestimmten Buchstaben zu blinzeln? Kommunikation unter erschwerten Bedingungen. Ein Wort dauert Minuten. Du zeigst auf jeden einzelnen Buchstaben, ich blinzele, wenn es der richtige ist. So fügt sich Silbe an Silbe. Meist habe ich nach zwei Wörtern vergessen, was ich sagen wollte. Ich vergesse sowieso. Ich fange jedes Mal wieder neu an. Ich hinterfrage nicht.
Manchmal merke ich, dass sie mich waschen. Nein, nicht waschen, abwischen. Ich lasse mit mir machen. Sie machen es oft, ich höre manchmal Stimmen, ungehalten; sind sie böse, weil ich mich schon wieder eingekotet habe? Sie denken vielleicht, ich spüre nichts, aber ich weiß es doch. Sie kleben mir einen Beutel an den Po, damit sie nicht immerzu das Bettzeug wechseln müssen. Manchmal massiert mich jemand mit einem Öl ein, dann friere ich nicht mehr so. Angeblich duftet es gut. Und dann muss ich schon wieder. Sie sagen, es stinkt, aber ich kann auch nicht riechen. Warum kann ich nicht riechen?
Da. Da stehen sie wieder an meinem Bett. Sie reden. Über mich. Ich bemühe mich, genau hinzuhören, aber ich verstehe nicht alles. „…nicht genug spontan geatmet. … geweigert … torpediert die ganze Therapie …“ Warum erzählen sie so etwas? Was mache ich falsch?
Du hast mir meine Hand auf meinen Bauch und unter meine Brust gelegt, damit ich die Narben fühlen kann. Sie haben die Klammern gezogen und du willst mich fühlen lassen, wie gut alles schon aussieht. Ich fühle Krater unter den Fingerspitzen – waren das Bomben? –, Schorf, überall, und da ist noch eine Klammer vergessen unter dem Schorf. Es juckt, ich kann nicht kratzen, kann meine Finger nicht bewegen, sind sie etwa … aneinandergewachsen? Nein, nur geschwollen, sagst du, alles ist geschwollen an dir, aufgequollen, du lagerst Wasser ein, aha, denke ich, Wasser, oje, Schwimmhäutchen. Was für Wasser? Woher kommt das? Ich kann doch gar nicht trinken. Deswegen wirst du jetzt ständig dialysiert, sagst du, das Wasser wird dir wieder rausgezogen. Aha, ja, raus damit, denke ich, flutsch, oh, spritzt das? Wo fließt es hin?
Und du kannst noch nicht wieder so gut alleine atmen, sagst du, aha, ja, denke ich, nicht alleine atmen, nein, ach je; sie haben dich tracheotomiert, sagst du, du hast eine Kanüle im Hals, die ist an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Deswegen kannst du auch nicht sprechen. Dann bewegst du meine Hand zu meinem Hals hin, damit ich die Kanüle fühlen kann. Die muss da drin bleiben, sagst du, hörst du, daran darfst du nicht ziehen! Ja, denke ich, darf ich nicht, aber wie sollte ich denn überhaupt, ich kann meinen Arm doch nicht mal bewegen und was hat das mit Sprechen zu tun. Wir können das Bewegen üben, sagst du, ich kann deinen Arm heben und wieder hinlegen, du musst gar nichts tun, nur zulassen, aha, denke ich, zulassen, ja. Wir können auch mit deinen Beinen üben, hörst du, fragst du? Ja, ja, ich höre – hey, kann man die Maschine abstellen? Ich wollte nie eine Maschine, das weißt du doch, kannst du die abstellen, bitte? Ich schaue dich an. Antworte doch, ich hab dich was gefragt, sage ich, ach, denke ich, ich kann ja gar nicht sprechen, aha, also du verstehst mich nicht, kannst du nicht Lippen lesen lernen, denke ich, ich muss doch irgendwie mit dir reden, ich kann das doch nicht alles über Alphabettafel sagen, das ist zu anstrengend, das dauert viel zu lange, ich vergesse doch alles, ich … ich kann nicht mehr.
Kann der Arzt sie nicht abstellen? Bitte, er steht da in der Tür, er kann das doch bestimmt machen, dass ich Ruhe habe, ich möchte jetzt gehen, bitte, es ist genug. Darf ich jetzt gehen? Kannst du ihn fragen, ob es jetzt reicht? Jetzt, bitte, bevor sie wieder kommen, bevor sie mir die Maschine wieder wegnehmen, ich kann doch nicht alleine atmen, hast du selbst gesagt, also abstellen, bitte. Dann ist es endlich vorbei.

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© Heike Hartmann-Heesch 2012