Leseprobe: 

Eine Nacht wie jede

„Man kann ein reales Leben nicht auf eine Zukunftshoffnung bauen.“ (Christa Wolf)

Meine Zukunft beginnt immer an einem nächsten Tag.  

21.30 Uhr: Überprüfen, ob im sogenannten Stroller, einem mobilen Sauerstoffkanister, noch genügend Sauerstoff für die Nacht enthalten ist, gegebenenfalls an der 45-l-Tonne in der Abstellkammer nachladen, eine Kanne Tee ans Bett stellen,

so durstig immer nachts,

eine sogenannte Gänsegurgel und einen Feuchtigkeitsfilter an das Schlauchsystem der Beatmungsmaschine, links neben dem Bett, anschließen, dann ins Bad gehen; übliche Körperpflege zur Nacht plus Tracheostomaversorgung: Einweguntersuchungshandschuhe überstreifen, Reinigung des Stomas, neue Kompresse um das Stoma und unter dem Halsbändchen befestigen, Einweghandschuhe, Reinigungstuch und alte Kompresse entsorgen. Licht aus im Bad, hinüber ins Schlafzimmer;

du liegst schon im Bett, blickst noch einmal auf, muss dir noch gute Nacht sagen, bevor mir gleich die Sprache für die Nacht fehlt, auch du wirst mir eine solche wünschen, eine richtig gute, jeden Abend wünschst du mir dies, und einen schönen Traum wünschst du mir auch: eine ruhige See und eine gute Überfahrt. Dann wird dein Kopf auf dein Kissen sinken und du wirst deine Decke bis an die Nasenspitze hochziehen. So gern möchte ich mich einfach dazulegen, ankuscheln an dich, einkuscheln in die Decke, deine Hand suchen, halten, einfach so mal wieder ins Bett fallen und einschlafen, aber ich muss noch so vieles, obwohl ich müde bin, so müde, dass ich schon gar nicht mehr klar denken kann;

Vorbereitung auf die Nacht an der Beatmungsmaschine: Händedesinfektion, Einweghandschuhe überstreifen fürs Sekretmanagement, Absaugkatheter auspacken und ans Absauggerät anschließen, Sprechventil von Trachealkanüle abnehmen, Absaugkatheter in Trachealkanüle einführen, Sekret absaugen. Nach dem Absaugvorgang Kanüle blocken: eine 20ml-Spritze mit Luft aufziehen und damit den sogenannten Cuff, einen kleinen Ballon an der Kanüle innerhalb der Luftröhre, aufblasen, mit dem Cuffdruckmesser den Druck justieren; der Ein- und Ausatmungsluftstrom geht bei Beatmung durch eine Beatmungsmaschine nicht durch Mund oder Nase, sondern eben durch die Kanüle. Riechen, niesen, Nase putzen, husten nicht mehr möglich, schmecken kaum, aber vor allem: auch sprechen nicht. Wenn die Atmung durch die Kanüle erfolgt, werden die Stimmbänder nicht mehr mit Luft angeströmt und können nicht schwingen;

stumm. Und immer jetzt, immer immer jetzt fällt mir ein, dass ich dir schon längst einmal wieder sagen wollte, wie lieb ich dieses Bild gewonnen habe, das du immer malst: die Nacht als Fahrt über das Meer. Ich weiß, dass ich ankommen werde am anderen Ufer, wenn ein neuer Tag beginnt, dass ich immer wieder neu ankommen werde. Immer jetzt fällt es mir ein, wenn ich nichts mehr sagen kann;

im geblocktem Zustand erneut Sekret absaugen: neuen Absaugkatheter auspacken, an die Absaugmaschine anschließen, Katheter in Kanüle einführen, absaugen. Nach Absaugvorgang statt Sprechventil eine sogenannte Feuchte Nase, einen Filter mit Ventil für Sauerstoffanschluss, auf die Kanülenöffnung setzen und mit Stroller verbinden; Licht löschen, hinübergehen zum Bett;

21.50 Uhr, auf die Bettkante setzen, noch einen Schluck trinken

nicht verschlucken,

Beatmungsmaschine anstellen, Feuchte Nase von Kanüle abstöpseln, Alarmfunktion der Maschine kurz desensibilisieren, künstliche Lunge vom Schlauchsystem der Beatmungsmaschine abstöpseln, Schlauchsystem an Kanüle anstöpseln, mich auf rechte Seite hinlegen, Kissen zurechtruckeln, aufpassen, dass der Schlauch ohne Spannung liegt, dass er nicht an der Kanüle zieht,

bin so schön eingemummelt in die Decke, wie gut es tut, die Augen zu schließen, meine Hand sucht noch die deine, wuschelt sich zwischen den Decken durch, findet sie, schläfst du schon?, fragt meine Hand, nein, noch nicht ganz, antwortet drückend deine; müde, bin so müde, bitte zur Ruhe zu kommen jetzt,

zur Ruhe kommen, auf Beatmetwerden einstellen, eigene Atemzüge loslassen, mich der Maschine überlassen, auf den Takt einlassen, den die Maschine vorgibt, eins werden mit dem Rhythmus;

zu schnell, noch ist die Maschine zu schnell, zu viele Atemzüge, ich will langsamer beatmet werden, tiefer einatmen können, nicht so schnell wieder aus, auch länger ausatmen können; weshalb atmet die Maschine schon wieder ein?, ich war doch noch gar nicht fertig mit ausatmen; kann man seinen Atem verschlucken?; ich  schwitze; versuche, die Luft anzuhalten, die Maschine atmet unermüdlich, ein bisschen langsamer schon, noch nicht langsam genug, 16 Atemzüge will ich, 16 nur;

Augen öffnen, einen Blick auf das Display werfen, das noch erleuchtet ist, das sich erst nach einigen Minuten in den Schlafmodus verdunkelt,

wusst ich’s doch, 19 sind’s noch, 19 Atemzüge, 16 will ich doch nur, 16 sind auch eingestellt, weshalb also gibt die Maschine mir 19?; müde, ich bin müde, es war ein langer Tag, ich sehne mich nach Schlaf, möchte mich hingeben, dem Schlaf und dem Takt – 

wie schön, der Atem wird ruhiger, so leicht atmet es sich nun, ein bisschen fallen jetzt, ein bisschen entschweben, kann man auf Wolken liegen?, wie schön es sich anfühlt, eingehüllt zu sein, vernebelt der Kopf, gleichmäßig und ruhig atmet mich die Maschine, ein Bettdeckenzipfel kitzelt mich an der Nasenspitze, ich muss lächeln, wie schön, mit einem Lächeln einzuschlafen, wie schön wär jetzt ein Traum, ein Traum von Lächeln und Sonne und Licht;

 

23.30 Uhr, das Hintergrundlicht auf dem Display springt an, Alarmsignal ertönt: piep piep piep,

und wirklich, da ist ein Licht, Licht scheint direkt in mein Gesicht, blendet mich fast, oh nein, erst halb zwölf, und schon wieder wach, liege auf dem Rücken, immer wache ich auf, wenn ich mich auf den Rücken gedreht habe, weshalb gibt die Maschine Alarm?, ist doch alles in Ordnung. Anderthalb Stunden geschlafen, ach, das ist ja schon ganz gut; aber zur Toilette muss ich,

aufsetzen, an die Bettkante setzen, der Alarm der Maschine piept immer noch, piep piep piep,

ich atme gegen die Maschine an, immer atme ich im Sitzen gegen die Maschine an; verdammter Alarm, hoffentlich habe ich dich nicht aufgeweckt jetzt;

Alarm löschen, mich abstöpseln von der Maschine, sodass ich aufstehen kann, Maschine an künstliche Lunge anschließen, damit der Alarm nicht wieder losgeht, mich anstöpseln an die Feuchte Nase, selbst atmen,

weshalb ist selbst atmen über Feuchte Nase und Kanüle so viel schwieriger, so viel anstrengender als durch Mund und Nase,?

vorsichtig aufstehen, Stroller mitnehmen, zur Toilette gehen, zurück, wieder auf die Bettkante setzen, einen Schluck trinken, so ein Durst!,

nicht verschlucken

Feuchte Nase von Kanüle abstöpseln, künstliche Lunge vom Schlauchsystem der Beatmungsmaschine abstöpseln, Schlauchsystem an Kanüle anstöpseln, 23.35 Uhr, mich auf die rechte Seite hinlegen, Kissen zurechtruckeln, aufpassen, dass der Schlauch ohne Spannung liegt, dass er nicht an der Kanüle zieht,

wieder einmummeln in die Decke, wieder versinken, wo sind denn die Wolken?,

Augen schließen; wieder zur Ruhe kommen müssen, wieder auf das Beatmetwerden einstellen, eigene Atemzüge loslassen, mich wieder der Maschine überlassen, wieder eins werden mit dem Rhythmus;

wieder zu schnell, die Maschine ist wieder zu schnell, zu viele Atemzüge, wo sind die Wolken von vorhin?, ich finde die Wolken nicht mehr, der Kopf dreht sich, der Schlauch zerrt an der Kanüle, der Körper will sich mitdrehen, nein, nicht auf den Rücken, Rücken geht nicht, ich kann doch nicht richtig atmen auf dem Rücken, wo ist der Bettdeckenzipfel?, ich suche das Lächeln, lass mich doch lächeln im Einschlaf,

Display verdunkelt sich,

jetzt wär ein Traum wirklich schön, ein Traum von Lächeln und Licht und Weite;

 

und ein Traum kommt, aber träumt sich nicht schön: Ich ertrinke, im Traum ertrinke ich, es gluckert und röchelt und rasselt in mir, ich kriege keine Luft mehr;

Display ist erleuchtet, Alarm piep piep piep, 00.45 Uhr,

und dann bin ich wach, ich liege auf dem Rücken, schon wieder liege ich auf dem Rücken, husten, ich muss husten, kann aber nicht husten, verdammte geblockte Kanüle, ich ertrinke noch von innen, dann also absaugen, ach nein, nicht absaugen, dann bin ich gleich ganz wach, aber es nützt nichts, ich kriege keine Luft, verdammter Alarm, hoffentlich habe ich dich nicht geweckt,

aufsetzen, an die Bettkante setzen, Alarm löschen,

oh Gott, nein, erst viertel vor eins, ich war doch gerade erst wach,

mich abstöpseln von der Maschine, sodass ich aufstehen kann, Maschine an künstliche Lunge anschließen, damit der Alarm nicht wieder losgeht, mich anstöpseln an die Feuchte Nase, selbst atmen, umstellen auf selbst atmen,

man, selbst atmen durch die Feuchte Nase ist doch sowieso schon so viel anstrengender, und jetzt auch noch voll mit Sekret!,

aufstehen, Stroller mitnehmen, hinübergehen zum Absauggerät, Licht anknipsen, hinsetzen, Absaugkatheter auspacken, an die Absaugmaschine anschließen, Feuchte Nase abnehmen, Katheter in Kanüle einführen, absaugen. Nach Absaugvorgang die Feuchte Nase wieder auf Kanülenöffnung setzen; Licht löschen, mit Stroller zum Bett gehen; auf die Bettkante setzen, Feuchte Nase wieder von Kanüle abstöpseln, künstliche Lunge vom Schlauchsystem der Beatmungsmaschine abstöpseln, 00.53 Uhr, Schlauchsystem an Kanüle anstöpseln, mich auf die rechte Seite hinlegen, Kissen zurechtruckeln, aufpassen, dass der Schlauch alle Spannung liegt, dass er nicht an der Kanüle zieht,

wieder einmummeln, jetzt aber die Wolken suchen,

Augen schließen; wieder zur Ruhe kommen müssen, wieder auf Beatmetwerden einstellen, eigene Atemzüge loslassen, sich wieder der Maschine überlassen, wieder eins werden mit dem Rhythmus;

huch, keine Wolken mehr, Wellen, Wellen, auch schön, wie schön sie rauschen, pschieeee-pschüüüüü-pschieeee-pschüüüüü, ganz gleichmäßig und ruhig rollen sie an den Strand und zurück, hin und her, einfach mittreiben lassen, raus aufs Meer, in einem Boot, zusammen mit dir, eine leichte Brise lässt unser Boot schaukeln, das schaukelt so schön, in den Schlaf schaukeln, jetzt wäre ein Traum aber wirklich schön, ein Traum von Luft und Licht und Wellen und Weite;

 

und ein Traum kommt, aber träumt sich nicht schön: Weit draußen auf dem Meer treibe ich im Sturm, unser Boot ist gekentert, ich schwimme, ach je, ich kann doch nicht schwimmen so mit Sauerstoff und Maschine, darf doch kein Wasser an das Stoma kommen, in die Kanüle kommen, wie soll das denn gehen mit Schwimmen, geht auch gar nicht, ein Strudel, mein Gott, ein Strudel reißt mich in die Tiefe, zieht an meinem Bein, da zieht was und reißt, es schmerzt, o nein, das Bein schmerzt so, schreien, weiter schreien, laut, laut und schrill.

Du hörst mich nicht, ich schreie doch, weshalb hörst du mich denn nicht?, wo bist du überhaupt?; ich kämpfe gegen die Wellen, ich strample und strample, muss mein Bein befreien, ich ziehe und drehe, der Schmerz macht mich wahnsinnig, ich schreie, ist da jemand?, ja, das ist jemand, jemand wirft mir ein Seil zu, ein Seil, mitten auf dem Meer, es wickelt sich um mich, wird zugezogen, nein, nicht da!, nicht am Hals zuziehen, schnürt mir den Hals zu;

 

und dann bin ich wach, schreie immer noch, tonlos, ach ja, kann ja gar nicht schreien, bin ja geblockt; aber der Schmerz ist real, ist kein Traum, ein Krampf, ein Krampf in der Wade, muss mich hinsetzen, das Seil, muss meinen Hals vom Seil befreien, Mensch, das ist ja gar kein Seil, ist doch der Schlauch, ich habe mich verheddert mit dem Schlauch der Maschine, deswegen komme nicht richtig hoch, der Schlauch reißt an meinem Hals; muss an die Bettkante, an die Bettkante, hinsetzen, bloß hinsetzen und das Bein auf den Boden stellen, aber das Bein gehorcht mir nicht, warum kann ich es nicht ausstrecken?, der Schmerz macht mich wahnsinnig, in einem Film würde man jetzt in Ohnmacht fallen, gnädig, ich aber bin wach, so wach, der Schmerz ist kaum auszuhalten, weshalb kann ich jetzt an einen Film denken?, so komische Gedanken denke ich, ich möchte so gern schreien, verdammte geblockte Kanüle, nur gepresste Laute, kein Schrei, nur Laute, und dann das Gepiepe der Beatmungsmaschine,

piep piep piep,

der Alarm, ich muss den Alarm löschen, sonst weckt er dich, dich und das ganze Haus;

piep piep piep, der Blick fällt auf das Display, 01.57 Uhr, piep piep piep,

oh Gott, erst kurz vor zwei, ich war doch gerade erst wach, oh nein, nicht jetzt schon  einen Krampf, nicht jetzt schon, wenn jetzt schon ein Krampf kommt, wird es die ganze Nacht so weitergehen. Muss an die Bettkante, hab ich dich jetzt geweckt?;

Alarm löschen, mich abstöpseln von der Maschine, Maschine an künstliche Lunge anschließen, damit der Alarm nicht wieder losgeht, mir die an die Feuchte Nase auf die Kanüle setzen, selbst atmen,

noch viel schwieriger, wenn ich doch schreie, und das hört noch nicht mal jemand, die Decke, wo ist die Decke?, auf die Decke beißen, ein Ende in den Mund stopfen, mich darin verbeißen, der Schmerz hört nicht auf; mit den Handflächen gegen das Bein schlagen, der Muskel ist steinhart, den Fuß auf den Boden setzen, warum kann ich den Fuß nicht abstellen?, weshalb sitzt er falsch herum am Knöchel?, falsch, vielleicht auch abgeknickt?; meine Handflächen schlagen gegen das Bein, ich schaukele meinen Oberkörper, wippe vor und zurück, vor und zurück, vor, zurück, in meinem Kopf schreie ich nein, ich höre es doch, ich höre es im Kopf;

ich muss dich wecken, tut mir so leid, ich muss dich wecken,

02.03 Uhr,

wie dich wach kriegen?, du schläfst wie ein Stein, dein Bein packen, ja, das geht immer. Was ist los?, fragst du endlich, ich kann doch nicht antworten, nur weiterschaukeln, vor und zurück, dann sitzt du neben mir, dann plötzlich vor dem Bett, deine Hände umfassen meine Hände, vier Hände umfassen meine Wade, strecken, sagst du, du musst das Bein strecken, vor- und zurückschaukeln, geht nicht, brülle ich, brüllen meine Augen, du siehst das, du siehst das selbst im Dunkeln, wie gut, dass du mich auch im Dunkeln verstehst, komm, versuch, aufzustehen, sagst du, ich halte dich, ich nehme den Stroller, halt dich an mir fest, sagst du und ziehst mich schon hoch, das Bein knickt weg, kann nicht stehen, sinke in deinen Armen zusammen, Vorsicht, schreie ich, nicht fallen lassen, nein, sagst du, ich lass dich nicht fallen, versuch noch mal, den Fuß aufzusetzen, wir müssen eine Runde laufen, und dann gehen wir, Schritt für Schritt, drei Füße und ein halber, das Bein will noch nicht, drei Füße zerren einen Fuß hinter sich her, der Schmerz macht mich wahnsinnig, wieso falle ich nicht einfach in Ohnmacht?, ich will das nicht mehr aushalten, nie mehr, nie wieder, Schritt für Schritt durchqueren wir die Wohnung, Wohnzimmer, Flur, in der Küche drehen wir um, Flur, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zurück zur Bettkante; der Schmerz lässt nach, endlich, jetzt pocht es nur noch, und taub die Zehen, sind da überhaupt noch Zehen?, und dann stehen wir wieder vor dem Bett.

Hinsetzen?, fragst du, ja, nicke ich, blicke dich an, traue mich, dich anzublicken, hab ich wieder ein Gesicht?, frage ich, denke ich, auch du blickst mich an, du kannst es schwer aushalten, mir vorher ins Gesicht zu blicken, da ist kein Gesicht, hast du mal gesagt, in solchen Momenten ist da nur eine Grimasse, voll Angst und Schmerz und solch einer Verzweiflung, es fällt schwer, mich dann anzublicken, sagtest du, ist kaum auszuhalten, weil es so hilflos macht.

auf die Bettkante setzen, langsam und vorsichtig,

wieder gut?, fragst du, wieder gut, nicke ich, du drückst meine Hand, hinlegen, leg dich doch wieder hin, denke ich, du musst dich hinlegen, dein Wecker klingelt bald, tut mir so leid, dass ich dich geweckt habe, tut mir leid.

Sollen wir ganz aufstehen?, fragst du, nein, nein, nicht aufstehen, denk ich, ich bin noch nicht bereit für einen nächsten Tag, hinlegen, ich bin müde, so müde;

Feuchte Nase von Kanüle abnehmen, künstliche Lunge vom Schlauchsystem der Beatmungsmaschine abstöpseln, 02.09 Uhr,

12 Minuten Krampf, das ist neuer Rekord, so lange hat das noch nie gedauert,

Schlauchsystem an Kanüle anstöpseln, mich auf die rechte Seite hinlegen, Kissen zurechtruckeln, aufpassen, dass der Schlauch ohne Spannung liegt, dass er nicht an der Kanüle zieht, auf Beatmetwerden einstellen, eigene Atemzüge loslassen, mich der Maschine überlassen, auf den Takt einlassen, den die Maschine vorgibt, eins werden mit dem Rhythmus;

du ziehst mir die Decke hoch, streichst mir noch einmal sacht über den Kopf, ich liebe dich, mein Herz, sagst du, ich bin bei dir, sagst du, ja, ich weiß, denke ich, ja, Gott sei Dank bist du da, denke ich, und jetzt sucht deine Hand die meine, wuschelt sich durch die Decke, findet sie und hält sie, ganz fest; schlafen bitte, jetzt endlich, denke ich, ein bisschen schlafen, der Sturm ist für den Moment abgeebbt, unser Boot ist heil geblieben und ich muss nicht mehr schwimmen, aber das Bein pocht noch, ich spüre einen nächsten Strudel, ich spüre noch einen Sog, also bitte ein bisschen schlafen, wappnen für den nächsten.

Wieder gut, drücke ich deine Hand, du musst doch auch schlafen, ich wecke dich nicht mehr heut Nacht, versprochen, verspreche ich dir, mahne ich mich. Vielleicht will ich zu viel, ist doch alles schon so gut jetzt, nur noch nachts an der Maschine, nur noch nachts, ich muss doch froh sein, dass es nur noch die Nächte sind ,es war schon ganz anders.

Das Meer war recht ruhig, werde ich dir morgen sagen, nur ein kleiner Sturm, werde ich sagen, und dass ich angekommen bin, wie jede Nacht. Meine Zukunft beginnt immer an einem nächsten Tag.

Heike Hartmann-Heesch © 2015

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